AUF DER SUCHE NACH FREIHEIT

Wie ich Mutter wurde, mein eigenes Scheißdrauf entdeckte – und zur Feministin wurde.

Freiheit – das war in meiner Kindheit Sommer, das war Fahrradfahren, mit wehenden Haaren durch unseren Berliner Kiez, das war Höhlenbauen im Wald, das waren Colakracher vom Krämerlädchen, das war lesen. Ich war ein Kind mit einer lebhaften Phantasie, das in jeder Wolke am Himmel ein fremdes Wesen sah und sich vor den Schatten der Bäume am nächtlichen Fenster fürchtete. Ich konnte stunden- und tagelang in den fremden Welten meiner Bücher verschwinden, dort drin war unendliche Weite; dann wieder zog es mich nach draußen. Mit meinen Geschwistern durch das Gebüsch am Spielplatz schleichen, und in unendlichen Abenteuern die Zeit vergessen.

In meiner Jugend lag Freiheit in großen Worten und noch größeren Gefühlen. Freiheit war in Gedanken; in tausend und abertausend Möglichkeiten. Und: Freiheit lag im Schreiben. In meinem Tagebuch probierte ich meine Stimme aus, zelebrierte heimlichen Widerstand gegen die Eltern und einigen Liebeskummer.

Ich wollte Schriftstellerin werden, schon immer, und nach dem Abitur ging ich direkt an die Uni, Literaturwissenschaft, saß mit russischen Formalisten in Dahlem unter den Kirschbäumen der Freien Universität, und genoss die Freiheit, mich voll und ganz in all diese Texte zu vertiefen.


GUTE AUSSICHTEN

Dann war da dieser Student aus der Humboldt-Universität, so wissbegierig und lebenshungrig wie ich. Es war uns ernst miteinander, wir wollten bald eine Familie. Wir wohnten in einer stuckverzierten Altbauwohnung mit denkmalgeschützter Fassade und schmiedeeisernem Balkongitter, die im Sommer so romantisch ausgesehen hatte. Im Winter jedoch war die Kälte nicht aufzuhalten, unaufhaltsam breitete sich der Schimmel in den Ecken aus.

Das erste Kind kündigte sich bald an; und ich war noch unbesorgt. Ich war eine junge Frau, die in eine glänzende Zukunft schaute. Mein Schreibtalent war unbestritten, das Studium lief, den Bachelor hatte ich bereits in der Tasche, den Master gerade angefangen. So schwer konnte das nicht sein.

Doch auf das, was dann folgte, war ich nicht vorbereitet gewesen.

DIE MUTTERSCHAFTSMASCHINE

Mit der ersten Schwangerschaft öffnete sich nicht nur die Schatzkiste Mutterschaft für mich, sondern zugleich ein akkurat gefüllter Waffenschrank voll fremder Erwartungen. Die Aussicht auf ein Baby in meinem Leben war keine zehn Minuten alt, da hatte ich bereits die Hoheit über meinen Körper, meine Ernährung und meine Zeit verloren. Es hagelte Anweisungen darüber, wie ich ab jetzt mein Leben zu führen hatte; und der öffentliche Raum war plötzlich dafür zuständig, den Thunfisch auf meiner Pizza, die Form meines Bauches und die Kaffeetasse in meiner Hand zu kommentieren.

Ich war kein Mensch mehr, ich war zum Gefäß degradiert; und einem Gefäß darf es nichts ausmachen, monatelang mit Übelkeit auf der Couch zu liegen, nicht mehr auszugehen, keine Freunde zu sehen. Ein Gefäß beschwert sich nicht über wochenlange Schlaflosigkeit, über Juckreiz am ganzen Körper, über Schmerzen – und wenn doch, dann wird das Gefäß daran erinnert, dass es seine Funktion ganz hervorragend erfüllt; denn dem Kind geht es gut, und deswegen gibt es auch kein Problem.

Es gab auch während der Geburt kein Problem, solange es dabei dem Baby gut ging; und im Wochenbett, solange ich erfolgreich stillte; und im Alltag mit einem Säugling, solange ich das Baby wohlgenährt, gewaschen und ordentlich gekleidet präsentieren konnte. Und es gab kein Problem, als sich das zweite und dritte Kind ankündigte, und ich trotz meiner Versuche, es dieses und das nächste Mal anders und besser zu machen, alles noch einmal und noch einmal erlebte.

Was willst du noch, du hast drei gesunde Kinder zur Welt gebracht?, hörte ich. 

Ja, ich hatte drei wunderbare Kinder zur Welt gebracht, drei Kinder, denen mein ganzes Herz gehört. Was ich wollte?

OHNE ZUKUNFT

Ich war in meiner Jugend mit dem Satz aufgewachsen: "Du willst Schriftstellerin werden? Das passt ja gut: Wenn du Mama bist, kannst du einfach nebenher schreiben.” Ich kann gar nicht zählen, auf wie vielen Ebenen dieser Satz falsch ist. Wie sich herausstellte, war die boshafteste aller Implikationen das Nebenher. Nebenher was bitte, schreiben?!

Klar, als Mutter macht man ständig etwas nebenher, man organisiert nebenher Geburtstagsparties, meldet sich nebenher bei Freundinnen, die man lange nicht gehört hat, und kocht nebenher Nudeln mit Tomatensoße. Ich aber hatte ein angefangenes Masterstudium, für das ich in die Uni fahren und Kurse besuchen, philosophische Texte lesen, eine Menge Hausarbeiten schreiben und eine 80-seitige Masterarbeit verfassen musste. Das war definitiv kein Nebenher. Das war eine Katastrophe.

Nun war ich in all dem nicht allein, mein Mann war da und übernahm seinen Teil der täglichen Verantwortung. Aber das Geld wurde knapp, das Bafög lief aus, der Druck stieg. Einer von uns musste sein Studium abschließen und alsbald richtig arbeiten gehen. Ich selbst war noch nicht so weit, zu erschöpft war mein Körper. Und so kam es, dass ich meinem Mann tagtäglich dabei zusah, wie er morgens mit einem schlechten Gewissen das Haus verließ und nachmittags heimkehrte, wie er sein Studium abschloss, wie er eine Arbeit fand, wie er uns alle davon ernährte –

Das 50er-Jahre-Familienmodell war heimlich bei uns eingezogen, unter dem Vorwand, nur kurz zu bleiben. Doch dann schleppte es immer mehr Koffer an, richtete sich häuslich bei uns ein und saß jeden Tag aufdringlicher bei uns am Tisch. Ich saß daneben mit den Kindern, meinem ächzenden Körper und einem Geist, dem schwante, dass er sich das alles nicht besonders gut überlegt hatte.


SCHWEIGEN

Keine Frage: Ich litt unter der Situation. Ich vermisste mein Studium, meinen Studi-Job, ich vermisste den Austausch mit Erwachsenen, ich vermisste meine Lektüren. Ich vermisste meinen gesunden jungen Körper, ich vermisste es, mich durch die Stadt zu bewegen. Und ich vermisste die Vision von Zukunft, die wie eine schnurgerade Straße vor mir gelegen hatte.

Das Schlimmste aber war das Schweigen. Ich fand für meinen Zustand keinen Ausdruck, für meine Wünsche und all das, was ich entbehrte. Mein inneres Schweigen stand in starkem Kontrast zum äußeren Geplapper, das mich umgab. Um mich herum gab es einige Mütter, und wir sprachen über alles, nur nicht über das Offensichtliche. Darüber, dass viele von uns ausgebrannt waren, überarbeitet, erschöpft; unsere Körper ausgelaugt, unser Geist gelähmt und unsere Willenskraft überstrapaziert. Wir umschifften unsere Enttäuschung, Einsamkeit und intellektuelle Unterforderung großzügig; zu gefährliches Gebiet für Frauen, die das pure Mutterglück lebten.

Und noch etwas verlor ich: Ich konnte nicht mehr schreiben.

Ich saß vor meinem Tagebuch mit nichts als Leere. Da wo bislang ein ewiges Jahrmarktsfest mit bunten Figuren, Sätzen, Geschichten, Empfindungen getobt hatte, war auf einmal – nichts.


Wer war ich? Was war von mir übrig?

Mein Alltag glich zunehmend einer dunklen, engen Schachtel ohne Lüftung. Es wurde stickig darin; viel zu stickig. Und langsam, ganz langsam wuchs etwas in mir. Ein kleines scheißdrauf, das sich regte. Ein kleines scheißdrauf, das sich streckte; ein kleines scheißdrauf, das zu einem großen, wütenden, befreienden Scheißdrauf! wurde.

Dieses Scheißdrauf zerfetzte die Schachtel. Die Macht der fremden Erwartungen, die Idealbilder und Verklärungen, die Schönfärberei – und mein höfliches Schweigen. Doch zuerst brachte es mich wieder zum Lesen.

EINE FRAU UNTER FRAUEN

Ich hatte meine ganze Jugend hindurch gelesen, aber dieses Mal war es anders. Ich stellte meine Fragen nicht mehr als vermeintlich neutrales Wesen, sondern als Frau. Als Mutter. Als leidenschaftliche zukünftige Schriftstellerin.

Ich nahm mir die Freiheit zu denken; und traute mich endlich, allen Fragen, die sich in mir aufgetürmt hatten, furchtlos ins Gesicht zu sehen. Und ich wandte mich mit meinen Fragen zum ersten Mal an Frauen, an schreibende Frauen. In meinem Bücherregal hatten jahrelang nur Männer gestanden; doch Dickens, Mann und Tolstoi zuckten ratlos mit den Achseln, wenn ich sie beim Windelwechseln fragend anblickte oder wütend einen Schnuller nach ihnen warf. Sie hatten dergleichen nie erlebt.

Und da war ich unversehens Feministin geworden.

Der Anfang meiner Suche gestaltete sich schwierig; ich hatte keinerlei Werke von Frauen in meinem Zuhause – eine Ungeheuerlichkeit, die mir zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal auffiel. Hatten Frauen nichts geschrieben? Ein Trugschluss. Es gab unendlich viel zu entdecken. Und, meine Damen, hatten die was auf dem Kasten. Autorinnen, Denkerinnen, Philosophinnen. Fantastische Frauen.

Von Hannah Arendt lernte ich, dass ich jederzeit neu anfangen kann. Astrid Lindgren zeigte mir, wie man aus schwierigen Mutterschaftserfahrungen den Stoff für ein ganzes Lebenswerk webt. Mascha Kaléko tröstete mich mit ihren einfachen, auf den Punkt gebrachten Gedichten, die ich selbst als übermüdete Mutter mühelos verstehen konnte. Judith Holofernes brachte mir bei, wie man aus einer zerbrochenen Karriere und einer fragilen Gesundheit ein neues kreatives Leben strickt. Elif Shafak bewies mir, dass es für weibliche Begabung keine Grenzen gibt.

EIN NEUER WEG

Das Schreiben dieser und noch mehr Frauen durchbrach für mich das Schweigen und den Nebel, in dem ich umhergetappt war. Sie eröffneten mir Perspektiven; ich konnte den Weg auf einmal sehen. Einen verschlungenen, kurvenreichen Weg mit steilem Anstieg, doch mit einer atemberaubenden Aussicht.

Ich schloss mein Studium ab; unsere drei Kinder standen feierlich mit mir im Prüfungsbüro, die Nasen reichten noch nicht ganz über den Schreibtisch, als ich der Beauftragten meine gebundene Masterarbeit überreichte. Danach gab es für uns alle Schokokuchen. Ich machte mich selbstständig und fing wieder an zu schreiben. Mein Mann und ich organisierten die Sorge- und Hausarbeit neu. Wir priorisierten freie Zeiten, für jeden für uns, für uns als Paar. Das 50er-Jahre-Familienmodell? Spülten wir kurzerhand im Klo hinunter.

Und noch etwas veränderte sich: Das Netzwerk der Frauen in meinen Büchern wuchs in die Realität hinaus: Ich begegnete den Frauen in meiner Umgebung auf eine neue Weise und lernte so viele kluge Frauen kennen. Wir fanden eine neue Basis, und das Glück, das wir in kostbaren Momenten miteinander teilen, ist echte Verbindung.

Und in diesem Moment, ganz weit hinten, von uns fast unbemerkt, zeichnet sich am Horizont etwas ab; ist das ––


Er sitzt in seinem Lehnstuhl vor seinem Mahagonitisch, in seinen seidenen Morgenrock gewickelt, die Füße in samtenen, mit seinen Initialen bestickten Pantoffeln. Er taucht seine Feder in sein Tintenfass, als er es spürt; eine Erschütterung, ein Beben, unmerklich fast, aber unbezweifelbar real. Es verheißt nichts Gutes.

Jetzt bist du dran!

Nun möchte ich etwas von dir wissen: Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht – oder ganz andere? Lass es mich wissen! Ich glaube an die Kraft von ehrlichem Austausch und freue mich darauf, von dir zu hören!

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