Meine Begrenzungen sind Teil meiner Kunst

Wie mich ein simpler Satz in meinem Tagebuch herausforderte

Gestern Abend sitze ich schon etwas schummrig auf meinem Bett. Ich bin allein, Daniel ist beim Fußball, die Kinder schon im Bett (hallo Schulanfang!). Aus reiner Langeweile greife ich nach dem Bücherstapel, der links neben mir im Regal liegt, und ziehe wahllos ein Buch heraus. Es ist mein Kreativtagebuch, in dem ich Entdeckungen, Ideen und Gedanken notiere, die etwas mit meiner Kreativität zu tun haben. Ich blättere ein wenig darin herum, lese hier und da einen Eintrag. Und dann lese ich diesen Satz.

Meine Begrenzungen sind Teil meiner Kunst.

Ganz einsam steht er so in seiner Zeile. Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen solchen Satz geschrieben zu haben. Und doch steht er da und es ist zweifellos meine Handschrift.

Meine Begrenzungen sind Teil meiner Kunst.

Im ersten Moment sträubt sich in mir etwas. Ich hasse meine Begrenzungen, um es klar auszudrücken. Als die Kinder noch ganz klein waren, habe ich unsäglich darunter gelitten, dass ich keine Zeit für meine Kreativität fand. Nun, wo sie schon etwas größer sind (Grundschulalter alle drei, immerhin) und mein Alltag neue Freiräume aufweist, kämpfe ich mit meiner Gesundheit.

Ich arbeite an meinem Roman, doch in meinem Kopf befindet sich Nebel, seit Jahren, und egal was ich mit meinen Ärztinnen versuche, wir bekommen ihn einfach nicht vertrieben. (Ich bleibe dran.) Das bedeutet für mich: Ich arbeite gerade als Vollzeitautorin, kann mich beim Schreiben aber nur eine halbe Stunde bis Stunde am Stück konzentrieren, wenn überhaupt. An vielen Tagen gar nicht. Was mich einfach wahnsinnig macht. Und ich raufe mir regelmäßig die schönen Locken: Wie soll das gehen? Wie soll ich auf diese Weise jemals etwas von Wert erschaffen? (Und, nebenbei, wie lange soll das bitteschön dauern?)

Und dann merke ich, wie dieser Satz sich ins Tröstliche wendet.

Meine Begrenzungen sind Teil meiner Kunst.

Das ist keine Kapitulation. Es ist eine Aufforderung. Mach weiter. Lass dich nicht aufhalten. Warte nicht auf die perfekten Umstände. Und: Egal was dich gerade quält, lass es in deine Arbeit einfließen. Lass dich treiben. Kämpfe nicht dagegen an.

Ich werde diesen Satz heute mit in den Tag nehmen. Ihn in meinem benebelten Kopf hin- und herschieben und darauf lauschen, was er für Assoziationen hervorbringt. Was will mir dieser Satz für mein Romanprojekt sagen? Gibt es eine Form, die ich wählen könnte, die besser zu meiner Verfassung passt? Sollte ich kürzere Kapitel schreiben, weil ich lange gerade nicht überblicken kann? Gibt es eine sprachliche Form, die meine Begrenzung in etwas Neues, Kreatives, Poetisches verwandelt? Auf welche Weise kann ich meine Begrenzungen als Ressource sehen und aus ihnen Kraft schöpfen?

Je öfter ich den Satz in diesen Newsletter schreibe, desto klarer wird mir, dass er ein kraftvolles Mantra ist.

Meine Begrenzungen sind Teil meiner Kunst.

Arbeite mit dem, was du hast. Das macht Kunst, Kreativität aus.

❤️


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