Der Tipp, der meinen Schreibprozess komplett verändert hat

Dieser Denkfehler ist für 80%* der abgebrochenen Romane verantwortlich. Warum du Schreiben und Bearbeiten unbedingt voneinander trennen solltest.

*eigene Schätzung ☺️

Du kennst das: Am Anfang war da diese Idee. Du hast angefangen zu schreiben, voller Elan und Enthusiasmus. Doch dann – irgendwo zwischen Seite 123 und dem 7. Nebenzweig deiner Geschichte ging dir die Puste aus. Das grandiose Finale deines Romans? Unerreichbar. Wenn du dir jetzt durchliest, was du geschrieben hast, fühlst du vor allem: Peinlichkeit. Das klingt alles nicht so, wie es soll. Und weiterschreiben geht auch nicht.

Du fragst dich: Lohnt sich die Mühe überhaupt? Und packst das Manuskript in die unterste Schublade des hintersten Schranks deines tiefsten Kellers. Was übrigbleibt: Ein schales Gefühl von Staub und Scheitern auf der Zunge – und dem einen trüben Gedanken: Ich hab eben doch nicht das Zeug dazu...

Doch was, wenn ich dir sage, dass das, was du da erlebst, nicht an dir, deinem Talent oder deiner Idee liegt? Sondern an einem einzigen, weit verbreiteten Denkfehler.

Hier zeige ich dir, wie du diesen Denkfehler vermeidest – und wie du stattdessen produktiv an deinen Texten arbeiten kannst. Ohne Mühe, ohne Selbstsabotage.

Schreibblockade: Wenn dein innerer Kritiker niemals schweigt

Ich kenne das von mir: Wenn ich an einem Text schreibe, ist da diese Stimme, die immer mitläuft. Eine zweite Instanz in mir, die das, was ich da gerade schreibe, bewertet.


"Echt jetzt?!"
"Das hast du doch schon tausendmal so gelesen!"
"Ganz ehrlich: Das ist so banal!"

Wenn Menschen zu mir in die Textsprechstunde kommen, erzählen sie mir von ganz ähnlichen Erfahrungen.

"Ich weiß einfach nicht, ob das gut ist", höre ich oft.

Dass AutorInnen an ihren Fähigkeiten zweifeln, ist ganz normal. Und wenn es dir beim Schreiben auch so geht, kann ich dich beruhigen: Du bist da in bester Gesellschaft.

Aber das zu wissen, löst das Problem dahinter noch nicht.

Aus meiner Erfahrung liegt dahinter nämlich ein gewichtiger Denkfehler – einer, der uns beim Schreiben mächtig im Weg liegt.

Dieser Denkfehler ist der wahre Grund für deine Schreibblockade

Die Sache ist nämlich die: Die meisten Schreibenden vermischen beim Schreiben zwei unterschiedliche Phasen miteinander.

Wir schreiben – und bearbeiten gleichzeitig. Das ist der Fehler.

Die Schreib- und die Bearbeitungsphase sind zwei sehr wichtige Phasen bei der Entstehung neuer Texte, und natürlich lassen sie sich nie ganz trennscharf voneinander unterscheiden.

Und doch ist es elementar wichtig, dass wir trainieren, beide voneinander zu trennen. Das wird klar, wenn wir uns einmal ansehen, worum es in beiden Phasen eigentlich geht.

Die Schreibphase: Wildwuchs erwünscht

Ich habe, wenn ich in Schlossgärten spazieren war, immer die akkurat kugelförmig zurechtgeschnittenen Buchsbäumchen bewundert. Was für eine Kunst, habe ich gedacht, das möchte ich auch mal probieren. Als ich dann irgendwann beschloss, mir einen Buchsbaum auf den Balkon zu pflanzen, habe ich dabei etwas Wichtiges gelernt: Der kleine Strunk, den ich mit Erde in seinen Topf setzte, war zum Zurechtschneiden viel zu klein und dürr. Er brachte einfach nicht genug Masse zum Bearbeiten mit. (Das Bäumchen ist dann in einem sehr heißen Sommer eingegangen, bevor ich ihn auch nur einmal schneiden konnte... seufz...)

Was ich damit sagen will: Beim Schreiben ist es genauso.

Jeder Text braucht erst einmal eine ausgiebige Wachstumsphase, bevor wir ihm mit der Heckenschere zu Leibe rücken sollten.

Diese erste Wachstumsphase eines Textes ist also vorrangig eine Schreibphase.

In dieser Phase geht es einzig und allein darum, Material zu schaffen. Du setzt dich vor das leere Dokument und tippst los. Dir kommen die Ideen und du notierst sie. Du lässt den Text wachsen. Du schreibst, ohne groß nachzudenken, und schreibst und schreibst. Ohne zu korrigieren, ohne zurückzuschauen, ohne zu bearbeiten.

So entsteht das, was in der Literatur gerne als shitty first draft bezeichnet wird: ein erster Rohentwurf, der vor lauter Fehlern, schlechter, banaler Formulierungen, nicht überzeugender Charaktere und unplausibler Dialoge nur so strotzt.

Ein richtig schlechter, erster Entwurf eben.

Und genau so soll' sein.

Mach dir klar:

  • Ohne einen schlechten Entwurfstext gibt es nichts zu bearbeiten.
  • Ohne Mut zum Rohmaterial bleibt dein Roman nur eine Phantasie.
  • Und: Deinen Text muss in dieser Fassung niemand zu Gesicht bekommen!


Die Schreibphase ist die, in der du dich einfach austoben kannst. Bunt, wild, frei. Lass deinen Text wuchern. Zurechtschneiden kannst du ihn später.

Erste Hilfe: Diese Übung hilft dir, den Schreibfluss in Gang zu bringen 

Wenn du merkst, dass dir das freie Drauflosschreiben einfach nicht gelingen will, weil die kritischen Stimmen sich in dir dauernd überschlagen, dann ist es Zeit für eine Kriegslist. Wenn man die gehässigen inneren Stimmen nicht ignorieren kann, ist es an der Zeit, sich ihnen zuzuwenden, ganz bewusst.

Und das machst du so:


Schritt 1: Das Stimmendiktat

Schritt 2: Die Abrechnung

Die Bearbeitungsphase: Heckenschere los!

Wenn du das Gefühl hast, genug rohes Schreibmaterial zusammengetragen zu haben, kannst du dich an die nächste Phase machen: ans Bearbeiten.

"Super!", denkt sich dein innerer Kritiker. "Dann darf ich jetzt ans Ruder!"

Aber nein – auf keinen Fall.

Wenn du dich deinem wilden Entwurf nun mit überkritischen Augen widmest, dann wirst du vor allem eines sehen: einen großen, wilden Haufen voller Fehler und Versäumnisse. Und das ist wahrhaft entmutigend.

Ich plädiere dafür, einen solchen Entwurf wie ein Kind zu behandeln, das vollkommen verdreckt vom Spielplatz kommt: Willst du es wirklich nur auf den unsäglichen Schmutz hinweisen, den es ins Haus trägt – oder dich mit ihm über den Spaß freuen, den es draußen gerade hatte?

Darum: Wenn du dich deinem Entwurfstext in der Bearbeitungsphase näherst, brauchst du einen klaren Fokus auf die Stärken deines Textes. Notiere dir: Was findest du bereits gelungen? Welche Abschnitte gefallen dir richtig gut? Wo bist du neugierig und möchtest noch mehr wissen?

Es geht hier also nicht ums Bewerten oder Aburteilen deines Textes. Sondern darum, die Goldnuggets von der Schlacke zu trennen.

Und das tut man am besten durch nüchternes Sichten, Ordnen, Auswählen. Anordnen, Präzisieren, Verfeinern. Verkürzen, Vertiefen, Wegschneiden.

Mal mit der Heckenschere, mal mit der Nagelfeile. So wie es dein Text gerade braucht.

Warum dein shitty first draft nicht das Problem ist

Das, was du für einen richtig schlechten misslungenen Textentwurf gehalten ist, ist in Wahrheit also gar nicht schlecht. Es ist eine Goldgrube. Ein Denkprotokoll. Eine Schatzkarte, die dir verrät, wo dein Text eigentlich hin will.

Dieser Entwurf zeigt dir, was funktioniert, was dich interessiert und wo die Energie deines Romans liegt. Und ja, er zeigt dir auch, was noch nicht funktioniert. Deswegen arbeitest du ja daran.

Was du jetzt brauchst, ist Geduld und Vertrauen ins eigene Handwerk – und nicht die übersteigerten perfektionistischen Erwartungen deines inneren Kritikers.

Perfektionismus tarnt sich oft als Anspruch an hohe Qualität. Tatsächlich bewirkt er meist das Gegenteil: Dass Texte an zu hohen Anforderungen einen unverdient frühen Tod sterben.

Nach Qualität zu streben, ist wertvoll. Doch Perfektionismus blockiert.

Raus aus der Perfektionismusfalle: Vom diffusen Urteil zur konkreten Wahrnehmung

Wie findet man also die Balance zwischen wertvoller Textarbeit, die dich weiterbringt, und einem lähmenden Perfektionismus? Logisch: Man bringt Klarheit in die trübe Suppe.

Wenn wir uns unseren Perfektionismus genau anschauen, dann besteht er meist aus einem diffusen Gefühl und pauschalen Sätzen.

Der Perfektionismus sagt:

"Das ist alles so schlecht!"
"Das funktioniert alles nicht!"
"Das wird nie was werden!"

Das Problem ist also nicht, dass du deinen Text verbessern willst – sondern dass du deine Baustellen nicht klar benennst.

Dass dir dein Text / eine Szene "schlecht" vorkommt, ist kein Arbeitsbegriff. Es ist ein Gefühl. Ein Totschlagargument – kein Ansatzpunkt.

Doch wenn du konstruktiv an deinem Text arbeiten willst, dann brauchst du genau das: konkrete Punkte, an denen du ansetzen kannst.

Hüte dich also davor, den Text als ganzes zu bewerten, und schau genauer hin:

  • Was genau gefällt mir hier nicht?
  • Sind es die Dialoge, die sich irgendwie künstlich anfühlen?
  • Ist es eine Figur, zu der ich keinen Zugang finde?
  • Langweilt mich etwas – und wenn ja: was genau?
  • Verliert sich die Spannung an bestimmten Stellen?


Sobald du beginnst, deine Unzufriedenheit zu konkretisieren, verändert sich etwas:
Aus einem diffusen "Es-ist-alles-so-schlecht"-Gefühl wird eine benennbare Baustelle – an der man arbeiten kann.

Erste Hilfe: Finde deine Baustellen

Wenn du in Bezug auf deinen Text nur ein diffuses Gefühl von Unzufriedenheit verspürst, kannst du mit dieser Übung diesen negativen Gefühlen und Gedanken auf den Grund gehen – und dich damit den konkreten Baustellen, die dein Text vielleicht noch hat, besser nähern.
Holen wir also die diffusen Gedanken/Gefühle aus dem Schattenreich und sehen wir sie uns genauer an.

Und das machst du so:

Schritt 1: Das Selbstinterview

Wenn du selbst nicht erkennst, was dich stört –

dann ist es vielleicht Zeit für einen klaren Blick von außen.
Blinde Flecken schleichen sich beim Schreiben unvermeidlich ein.
Ein professioneller Blick von außen kann dir helfen, wieder klar zu sehen.

Was funktioniert in meinem Text? Wo liegen die Stärken? Was braucht noch Pflege? Und wo kann ich konkret ansetzen?

Sieh dir dazu mein Angebot an!

Schreiben oder bearbeiten – alles eine Frage des Timings

Fassen wir also zusammen: Du darfst gerne ausgiebig an deinem Text arbeiten, ihn aufpolieren und zurechtfeilen – bis er so klingt, wie du dir das wünschst.

Erinnere dich dabei an folgende Punkte:

  • Trenne Schreib- und Bearbeitungsphase voneinander.
  • In der Schreibphase: Schreibe frei und unzensiert und lass deinen Text wuchern.
  • Sei nett zu deinem shitty first draft – er ist eine Goldgrube, die nur etwas Pflege braucht.
  • In der Bearbeitungsphase: Schenke deinem Text vor allem Wohlwollen.
  • Höre deinen kritischen Stimmen zu, aber überlass ihnen nicht das Ruder.
  • Versuche, diffuse Gefühle und Gedanken zu deinem Text auf konkrete Punkte zurückzuführen, an denen du arbeiten kannst.
  • Wenn du nicht weiterkommst: Hole dir Hilfe.


Schreiben und Bearbeiten laufen nach vollkommen verschiedenen Mustern ab. Indem du beide Phasen voneinander trennst, machst du deinen kreativen Prozess klarer, einfacher und produktiver.

Schreiben darf leicht sein. Und Bearbeiten Spaß machen. 😊

Ich wünsche dir, dass sich dein Prozess genau so anfühlt.
Leicht, verspielt, voller Möglichkeiten.

Und falls nicht: Ich bin für dich da.

❤️